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Heilige Sch… Ich komme gerade ziemlich erfroren aus Kaer Morhen zurück. Der erste Angriff der Wilden Jagd ist zurückgeschlagen und ich muss erstmal wieder zur Besinnung kommen. Doch was war passiert, dass ich so mitgenommen und aufgewühlt bin? Ich habe „The Witcher 3: Wild Hunt“ gespielt. Bin schon ein paar Dutzend Stunden im Game und habe bereits einiges erlebt und durchgemacht. Das RPG ist einfach Hammer! Ich nähere mich immer weiter dem Finale und habe am heutigen Abend eine wichtige Stelle im Spiel erreicht: Die Nebelinsel, ein Meilenstein bei Geralts Suche nach seiner Ziehtochter Ciri.

Ich möchte euch ein wenig an meiner Spielerfahrung teilhaben lassen. Daher habe ich meine Erlebnisse niedergeschrieben, aus der Sicht des Hauptprotagonisten, dem Hexer Geralt. Los geht’s!


Die Zeit ist gekommen, ich muss auf die Nebelinsel, sofort! Schnell laufe ich von der Burg hinunter in den Hafen von Kaer Trolde, besteige ein Boot und segle hinaus aufs Meer. Mein Spürsinn weist mir die Richtung, doch ich muss vorsichtig sein. Überall lauern Gefahren über und unter Wasser, aber ich kann sie glücklich umschiffen. Dann nähere ich mich der Insel.Witcher3 Screenshot Nebelinsel

Sie sieht unheimlich aus; so felsig und in Nebelschwaden gehüllt wirkt sie rau und unwirklich zugleich. Als ich unter dem steinernen Felsenbogen, der wie eine Brücke zu einer mysteriösen Turmruine führt, hindurchfahre, spüre ich, dass ich bald am Ziel sein werde. Ciri …
Ich lasse aus dem Flakon das Leuchten frei, das ich von Avalac’h erhalten habe und das mir den Weg zu Ciri weisen soll. Es navigiert mich durch ein Trümmerfeld von versunkenen Schiffen und Booten, ihre aus dem Wasser und von Felsspitzen ragenden Gerippe säumen meinen Weg. Ekhidnas! Ich darf sie nicht an mein Boot lassen, sie werden es zerfetzen und mich gleich dazu! Mit meiner Armbrust setze ich ihnen rasch ein Ende, doch der Schreck sitzt mir noch in den Knochen. Schnell weiter!

Endlich, eine Stelle zum Anlanden. Das Licht schwebt wie ein kleines Glühwürmchen zuverlässig vor mir her, ich lasse es nicht aus den Augen. Es geleitet mich einen Berg hinauf, der gewundene Pfad ist mit kleinen Lampen gesäumt, sie sind angezündet – hier muss jemand leben. Die Neblinge, die mich allenthalben versuchen aufzuhalten, sind es sicher nicht gewesen. Doch da ist eine kleine Hütte oben am Hang – ob Ciri dort ist?

Die Hütte ist verschlossen, jedoch scheinen sich ein paar Männer darin verschanzt zu haben. Ich komme mir vor wie in diesen Geschichten, wo die lieben Kleinen den Bösen Wolf nicht ins Haus lassen wollen. Doch anstatt einer weißen Pfote wollen sie ihre drei verschollenen Freunde sehen. Ich soll sie suchen und zu ihnen zurückbringen. Ich willige ein, kann nicht so schwer sein. Den ersten finde ich schnell, am Strand, auf einem hohen Felsen – nur stürzt er sich bei seinem Abstieg zu Tode. Pech. Den zweiten finde ich beim Lager eines Bies. Dieser Unhold hat mir ganz schön zugesetzt, doch zum Glück ist er derart riesig, dass ich gut aus meiner Deckung hinter ein paar kleineren Bäumen zuschlagen konnte. Leider war es für den Mann schon lange zu spät für eine Rettung. Dafür fand ich den Dritten lebend vor – auf einem Leuchtturm und lautstark schnarchend. Wie soll ich bitteschön einen Zwerg mit Narkolepsie heil durch die Neblinge bringen? Er folgt mir zwar freudig, pennt jedoch nach wenigen Metern immer wieder ein. Ich muss ihn mehrmals unsanft aus seinen Träumen wecken. Denn er ist mein Schlüssel zu der Hütte, und dort warten neue Informationen über Ciri auf mich! Vielleicht sie sogar in eigener Person? Hoffentlich komme ich noch rechtzeitig. Nicht auszudenken, wenn …

Die Männer, die aus der Hütte treten, entpuppen sich als ein fröhlicher Trupp schiffbrüchiger Zwerge. Sie sind glücklich, wenigstens einen ihrer Freunde heil wiedersehen zu können. Auf meine Frage nach einem Mädchen mit aschblondem Haar drucksen sie etwas herum und sind plötzlich gar nicht mehr so fröhlich. Als ich nachhake, meint einer von ihnen, ich würde zu spät kommen. Was, wie, zu spät?! Ist Ciri hier? Was verheimlicht mir dieser Haufen, verdammt?! Das Mädchen, dass ich suchte, läge in der Hütte und hatte sich nicht wecken lassen, wäre ganz kalt, tot? Nein, das kann nicht sein! Nicht meine Ciri!

Tw3 screenshot Hut on the Isle of Mists

Ich verabrede mich mit den Zwergen unten an meinem Boot, sie werden dort auf mich warten, nachdem ich in der Hütte gewesen wäre. Ich stehe vor der geschlossenen Tür, wie versteinert. Meine Hand will sich nur mit Mühe heben, um die Tür aufzuschieben, meine Beine sind wie Blei, kann kaum atmen. Ich glaube, ich habe mich im Leben noch nie so gefürchtet. Vor dem, was hinter dieser Tür auf mich wartet …
Schließlich kann ich doch meinen ganzen Mut zusammennehmen und betrete die kleine Hütte. Es sieht aufgeräumt darin aus, ein schmaler Lichtschein vom Türspalt fällt auf einen Tisch, dann auf ein Regal mit Büchern. Doch dann sehe ich ein Bett, direkt dem Eingang gegenüber. Eine Frau liegt darauf, seitlich, ich sehe ihre Stiefel, ihren Rücken, ihr Haar … Mir stockt der Atem – sie hat weißes Haar und ist gekleidet wie … Die Schritte zum Bett hin gehe ich wie betäubt, in mir eine schreckliche Ahnung. Doch ich brauche Gewissheit. Gewissheit, dass …

Ich drehe den leblosen Körper um, gefasst auf jenen Schmerz, den mir das bleiche Gesicht bereiten wird. Doch Gewissheit ist schrecklicher als jede Vorahnung, der Schmerz unerträglicher, als jeder Monsterhieb. Vor mir liegt Ciri, meine kleine Ciri, mein Mädchen, meine Vorherbestimmung … Es gibt keinen Zweifel mehr, keine Hoffnung und keinen Sinn. Mir versagen die Beine entgültig, die Welt um mich dreht sich, gerade noch finde ich Halt auf dem Bett und setze mich neben sie. Ich kam zu spät, ich habe versagt …Tw3 screenshot Geralt holding Ciri

Es kann nicht sein! Es darf nicht sein! Was ist nur passiert?
Ich kann nicht anders als sie ein letztes Mal umarmen. Meine Schwalbe, meine Vorherbestimmung … Ich drücke sie fest an mich und wiege sie wie ein kleines Kind. Dir lag die Welt offen, du warst das Beste, was mir je passiert ist – und ich konnte dich nicht beschützen. Nun ist alles vorbei …
Gefangen in meiner Welt aus Trauer und Leere bemerke ich nicht, wie sich das Leuchten von hinten über mir nähert. Es dringt still in Ciri ein – ihr Körper erbebt, tut einen tiefen Atemzug. Ich halte sie noch immer, und mit unfassbarem Staunen und Glück nehme ich auch ihre Umarmung wahr.

Mich umfasst eine Wärme und eine Freude, wie ich sie nur ein Mal zuvor in meinem Leben verspürt hatte. Es ist genauso, wie bei unserer schicksalhaften Begegnung in Sodden, einige Monate nach dem Massaker von Cintra, bei dem das erst zehnjähige Mädchen ihre Großmutter verlor – das letzte Familienmitglied, das ihr noch geblieben war – und dann selbst verloren ging in den Wirren der Kriegshandlungen. Ich kam zu jener Zeit aus dem Norden zurück und rettete auf dem Weg einem Kaufmann das Leben. Er versprach mir zu geben, was er als erstes zu Hause vorfindet und nicht erwartet hat. Und er rettete wiederum mich, als ich schwer verletzt aus diesem Kampf hervorging. Daher schuldete er mir nichts, und dennoch … Er pflegte mich, brachte mich zu einer Heilerin, nahm mich später mit zu seinem Heim. Und es kam ihm tatsächlich jemand entgegen, den er nicht erwartet hatte. Am allerwenigsten ich. Ein kleines Mädchen mit aschblondem Haar, dem ich all die Jahre zuvor so wohlweislich aus dem Wege gegangen war, nachdem ich ihren Eltern geholfen hatte, und aus deren Versprechen das Kind meiner Vorhersehung hervorgehen sollte.
Dieser Moment von Ciris Erwachen hier auf der Nebelinsel war wie jener damals, als ich sie ebenso verloren glaubte und unvermittelt wiedergewann, sie in meinen Armen hielt und wusste, dass sie etwas Besonderes ist, ich sie nie wieder verlassen wollte und ohne zu zögern mein Leben für sie geben würde.

Geralt und Ciri in der polnischen TV-Serie "Wiedźmin", Episode 11.


Hier saß ich nun, völlig aufgelöst und schluchzend vor meinem PC. Das war so traurig und schön zugleich! Klar, Geralt hatte ein solches Wiedersehen auch nochmal auf Schloss Stygga, und es war auch sehr emotional, da dort noch Yennefer mit involviert war. Aber dieses erste Wiedersehen, in der Kurzgeschichte „Etwas mehr“, als der Hexer endlich sein Kind der Vorsehung akzeptierte, das war tatsächlich genauso berührend wie diese Szene hier in The Witcher 3.
Am selben Abend ist noch einiges andere mehr im Spiel passiert. Doch das erzähle ich in einer anderen Geschichte … 😉

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