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Endlich komme ich dazu, die angekündigten Zeilen zum aktuellen Hexer-Roman „Zeit des Sturms“ zu schreiben. Das Buch ist zugegebenermaßen nicht der Weisheit letzter Schluss, hat mich aber durchweg unterhalten und bei der Stange gehalten. Von mir aus kann Sapkowski noch mehr solcher Teile verfassen. Kommen wir daher gleich zu den Fakten:

00-4-Zeit des SturmsReiheninfo:
(inhaltlich chronologische Reihenfolge):

  • Zeit des Sturms (Einzelroman)
  • Der letzte Wunsch (KG-Sammlung)
  • Das Schwert der Vorsehung (KG-Sammlung)
  • Das Erbe der Elfen (Romanreihe, Bd. 1)
  • Die Zeit der Vorsehung (Romanreihe, Bd. 2)
  • Feuertaufe (Romanreihe, Bd. 3)
  • Der Schwalbenturm (Romanreihe, Bd. 4)
  • Die Dame vom See (Romanreihe, Bd. 5)

Meine Leseempfehlung: Lest den Band entweder ganz allein oder nach den beiden Kurzgeschichtenbänden oder am besten ganz zuletzt, da dieser Einzelroman eher als Ergänzung zur bislang erschienenen Gesamt-Saga anzusehen ist.*

Zeitliche Einordnung:

„Zeit des Sturms“ (orig. „Sezon burz“=“Saison der Gewitterstürme“) spielt in der Hexerwelt um das Jahr 1245. Es ist angesiedelt irgendwo zwischen den Kurzgeschichten „Der letzte Wunsch“ und „Der Hexer“, höchstwahrscheinlich auch nach „Der Rand der Welt“ – spielt jedoch ebenso wie die Rückblenden _vor_ der Rahmenhandlung des Sammelbandes, aus denen die genannten Kurzgeschichten stammen.
Geralt ist also in seinen besten Jahren, noch weit entfernt von den kriegerischen Machtspielen der Nördlichen Königreiche mit dem Nilfgaarder Imperium; noch vor dem schicksalhaften Auftrag, Königin Calanthe jenes Monster vom Halse zu schaffen, das ihre einzige Tochter Pavetta ehelichen will; und auch noch vor der schier unlösbaren Aufgabe, die königliche Striege von Wyzima von ihrem Fluch zu befreien. Wen er zu dieser Zeit jedoch bereits kennt, ist die violettäugige, stets in Schwarz und Weiß gekleidete, ihm das Herz und den Verstand raubende Zauberin Yennefer. Auch Quasselstrippe, Schwerenöter, Barde und bester Kumpel Rittersporn ist mit von der Partie. Blutjung und – blond. So viel zur zeitlichen Einordnung.

Inhalt:

Den roten Faden des Romans bilden Geralts Schwerter – das stählerne und das silberne. Wie Witcher-Kenner wissen, bestreiten Hexer als professionelle Monsterjäger mit ihnen maßgeblich ihren Lebensunterhalt. Sie sind unwahrscheinlich teuer und zudem maßgeschneidert, und wenn sie ihnen abhanden kommen – wie Geralt hier geschehen -, fällt es verständlicherweise schwer, ohne sie an die notwendigen Mittel zu kommen, sich neue zu beschaffen. Ganz abgesehen davon, dass eine Neuanfertigungen Monate brauchen würde, geht es auch um die Ehre – denn seine Hexerbrüder auf Kaer Morhen würden es wahnsinnig lustig finden, wie sich Geralt hat übers Ohr hauen lassen. So macht sich der Hexer auf die Spur, seine Schwerter wiederzugewinnen, erlebt dabei zahlreiche Rückschläge, aber auch unerwartete Unterstützung. Er wird inhaftiert, verführt, ausgenutzt, gequält, verfolgt … Das alles überschattet von Stürmen und Gewittern, die die Geschichte buchstäblich bis zu Orkanstärke steigern.

Erzählweise:

So gesehen ist „Zeit des Sturms“ ein typischer Sapkowski- oder vielmehr Geralt-Roman: Die Erzählweise gleicht der der fünfteiligen Romanreihe, die kurz gehaltenen Kapitel wiederum vermitteln schnell das Feeling der früheren Kurzgeschichten. Nur spart der Autor diesmal etwas mit seinem erfrischenden, teils zynischen Humor und der Unbeschwertheit, wie sie bspw. die Nivellen– oder Dudu-Geschichte verströmte; auch die sonst üblichen Anspielungen aus der Märchen- und Sagenwelt habe ich etwas vermisst, dafür gibt es ein Mehr aus der Welt der Dämonen. Ein also etwas ernster geschriebenes Werk, was in meinen Augen Geralts innere Ziellosigkeit nach seiner wenig rühmlichen Trennung von Yennefer unterstreicht und Raum gibt für neue Frauengeschichten, mehr Action und die obligatorischen Intrigenspielchen. Ja, und auch für Gewalt, die (meiner Meinung nach) in manchmal etwas zu grausamen Bildern gezeichnet wird – man siehe Sapkowskis Narrenturm-Trilogie.
Meiner Empfindung nach ist es durchaus spürbar, dass sich die Erzählweise Sapkowskis gewandelt hat. Wäre auch irgendwie merkwürdig, wenn in 25 Jahren seit der ersten Hexer-Geschichte und diesem neuen Band keine Entwicklung des Autors stattgefunden hätte und er sich am Ende noch selbst hätte kopieren müssen. Ich finde, dass der Schnitt zu der Pentalogie irgendwie nicht so groß ist, wie zu den Kurzgeschichten. Deshalb auch meine Empfehlung, den Roman in der Reihenfolge zu lesen, wie er erschienen ist: nach der fünfteiligen Romanreihe der Geralt-Saga. Und ihn gewissermaßen als kleines Schmankerl zu sehen, als nachgereichtes „Prequel“.

Mein Fazit:

Wie stets kein wirklicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis, doch solide, durchweg spannend, unterhaltsam und nicht zuletzt einige weiße Stellen in der Lebenschronik unseres Hexers füllend – und zum Glück ohne Kollision mit den zeitlich weit später angesiedelten The Witcher-Computerspielen. Und wen es interessiert: Ein Teil des Buches gibt es auch bald als Dark Horse-Comic unter dem Titel „The Witcher: Fox Children“ im Handel!

Als „Must-read“ für jeden Geralt-Fan gibt’s von mir 8,5 von 10 Mutantenpunkten.

Anmerkung zur Ausgabe selbst: Im Nachhinein war ich etwas enttäuscht, dass der Klappentext so viele Spoiler enthält, von dem bösen Rechtschreibfehler dort ganz abgesehen. Vom dtv kannte ich es bislang anders. Auch der Rückentext ist nicht wirklich der Bringer, meiner Meinung nach führt er ziemlich in die Irre, um was es in dem Buch eigentlich geht.
Das Cover hingegen und auch sonst die Buchgestaltung im Inneren sagen mir absolut zu. Schade nur, dass es im Design der Pentalogie des Hexer-Zyklus gehalten ist und nicht in dem der Kurzgeschichtenbände, obwohl der Handlungszeitraum ja zwischen letzteren liegt; sieht etwas ungeschickt aus, wenn man die Bände inhaltlich chronologisch ins Regal stellen möchte … Tja, aber das sind nur Äußerlichkeiten, die Inneren Werte zählen!

Andrzej Sapkowski
Zeit des Sturms – Roman
dtv, Aus dem Polnischen von Erik Simon
464 Seiten
ISBN 978-3-423-26057-2 – Euro: 14,90 [D] 15,40 [A], SFR: 21,90 – 1. April 2015 (Premium)
ISBN: 978-3-423-42609-1 – Euro: 12,99 [D] 12,99 [A], SFr: 15,00 – 16. März 2015 (eBook)
Hörbuch bei Audible – 1. April 2015


* Wer sich fragt „Und wo ist ‚Etwas endet, etwas beginnt‚ in der Lesereihenfolge?“, für den habe ich folgende Antwort:
In diesem Kurzgeschichtenband haben nur zwei der acht Stories Hexerbezug. Die eine „Der Weg, von dem niemand zurückkehrt“ spielt noch vor Geralts Geburt und handelt von seinen Eltern – daher gehört sie von der Chronologie her theoretisch ganz an den Anfang; die zweite, titelgebende Geschichte „Etwas endet, etwas beginnt“ ist eine „Geralt-Yennefer-Fanfiktion“ vom Meister selbst, ein alternatives Ende, geschrieben aus Spaß an der Freude für zwei treue Fans, die geheiratet haben und für die er diese Handlung erfand, völlig non-kanon. Für eingefleischte Geralt-Freunde ist das Buch natürlich ein „Must-read“, vor allem wegen der aufschlussreichen Vorworte von Sapkowski zu jeder KG; für The-Witcher-Nerds jedoch nur schmückendes Beiwerk, weil in den Computerspielen keinerlei Anspielungen daraus vorkommen – im Gegensatz zu allen anderen Büchern.
In der Lesereihenfolge: Genau genommen müsste man dieses Buch also aufsplitten – „Der Weg …“  vor allen anderen Kurzgeschichten und Romanen der Geralt-Saga; und „Etwas endet …“ nach „Die Dame vom See“. Aber sowas macht ja keiner 😉 Und wie gesagt, es gibt noch sechs weitere KGs in diesem Buch, die in keinerlei Zusammenhang mit dem Hexer stehen (etwas Horror, etwas Sci-Fi, etwas Arthus-Fantasy), sodass man sich die Anschaffung gut überlegen sollte. Im Zweifelsfall geht lieber in die Bibliothek oder ihr kennt jemanden, der es euch mal leihen kann und führt es euch zu Gemüte, wenn ihr „Die Dame vom See“ durch habt. 😉

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