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Chronik eines Leseabenteuers

Es ist Freitag Abend, der 23. Juli 2010. Ich prüfe wie üblich meine Mails, durchforste die Einträge nach wichtigen Posts. Was sehe ich denn da? Die Buchhandlung um die Ecke hat mir geschrieben? Ach ja, ich hatte dort vor Monaten mal was bestellt. – Nein, nicht irgendwas! Etwas, das ich schon sehnsüchtig erwarte: Es ist „Der Schwalbenturm“, der vierte Band der Hexer-Romane von Andrzej Sapkowski.
Das Buch ist schon da? Eine Woche vor dem offiziellen Erscheinungstermin? Genial! – Mist. Warum konnte ich meine Mails nicht eher prüfen? Dann wäre ich schnell vor Ladenschluss ‚rübergelaufen und hätte es jetzt schon auf meinem Tisch. So aber … muss ich warten. Argh. Es wird eine lange Nacht, aber ich bin stark, ich halte durch.

Samstag Morgen. Ich muss das Buch haben! Jetzt! Das Geschäft macht aber erst um 9 Uhr auf. Zeit genug, um noch eine Runde zu joggen. Ich werfe mich in meine Trainingsklamotten, stecke Hausschlüssel und Zahlungsmittel ein. Ich laufe und träume mir dabei aus, um was es in dem neuen Werk gehen wird. Natürlich um den Schwalbenturm. Wo und was der wohl genau ist? Und ob Geralt und seine Gefährten wohl endlich Ciri finden werden? Wie lange wird Ciri noch mit der Ratten-Bande durch die Lande ziehen? Und Yennefer …
Mit solchen Gedanken neugierig beschwingt nehme ich auf dem Rückflug noch Brötchen vom Bäcker mit, danach geht es gleich über einen kleinen Umweg in den verheißungsvollen Buchladen. Er hat mittlerweile geöffnet.

Die Kasse ist gerade unbesetzt. Ich luge mit langem Hals ins Regal hinter der Theke, da wo gemeinhin die zurückgelegten Bücher auf ihre Abholer warten. Dort suche ich fiebrig einen flammendroten Schriftzug auf einem schwarzen Taschenbuchrücken. Einen ähnlichen Einband, wie ich ihn schon dreifach bei mir zu Hause stehen habe. Im Schlafzimmer, auf der Kommode, zusammen mit dem bunten Doppelband der Kurzgeschichten, acht (ja, acht!) weißrückigen polnischen Sapkowski-Ausgaben und einer The Witcher CE-Gamebox, alles gehalten von einer Buchstütze mit einem kleinen, mittelalterlichen Globus …
Das besagte Regal in der Buchhandlung ist ziemlich voll, ich entdecke das Gesuchte nicht sofort. Doch, da ist es! Mann, das ist aber dick, dicker als die anderen Bände der Serie. Ich kann es kaum noch erwarten, trete unruhig von einem Bein aufs andere. Endlich kommt die Verkäuferin. Sie schaut mich weniger verdutzt an als die Bäckerin vorhin, bin ja immer noch etwas vom Rennen verschwitzt und angestrengt rot im Gesicht, aber mein Atem geht schon ruhiger. Na ja, ein klein wenig aufgeregt bin ich schon. Wieso eigentlich, es ist doch nur ein Buch?
Ich trage mein Anliegen vor. Schnell hat die junge Rothaarige den Band für mich gefunden, zügig geht die Bezahlung über den Tisch. Ja, ich bin zufrieden mit der Benachrichtigung, dass meine Vorbestellung eingetroffen ist, beantworte ich ihre Frage. Beim Bezahlen setze ich gleich nach, möchte den fünften Teil „Die Dame vom See“ reservieren, was mit zwei, drei Mausklicks prompt erledigt wird. Das ist die Buchhandlung meines Vertrauens.

Ha! Das Buch ist mein! Tschaka! Jetzt schnell nach Hause.
Die Familie ist schon darauf vorbereitet, dass Mama heute (und evtl. auch morgen noch) mit Lesen beschäftigt sein wird. Da muss Papa mal herhalten für die Bespaßung des Nachwuchses. Schließlich ist Wochenende, und ich habe mir auch mal eine Auszeit verdient. Eine verständnisvolle Familie. Aber erst Duschen und Frühstücken – die Hexerwelt muss noch eine weitere Stunde auf mich warten.

Schließlich ist es soweit. Es ist 10:30 Uhr desselben Tages. Ich ziehe mich ins Schlafgemach zurück, zusammen mit meinem Schatz – dem Buch. Tür zu, Fenster angekippt, Jalousie ganz offen. Heute ist gutes Licht zum Lesen, nicht zu hell, nicht zu viele Wolken am Himmel. Kein Straßenlärm, der stört, keine sengende Hitze wie in den letzten Wochen. Nur ein „Mama, darf ich fernsehen?“ – „Ja, du darfst. Mach die Schlafzimmertür bitte wieder hinter dir zu“, antwortet die Rabenmama-für-einen-Tag.
Wieder allein, betrachte ich den Einband meiner neuesten Eroberung. Mich starrt ein Türklopfer in Form eines Fabelwesens an – ein Greifenkopf? Egal. Das Buch macht einen guten Eindruck, ein solides dtv-Taschenbuch, wie seine Vorgänger auch.
Der Epigraph, das erste Kapitel. Ich verschlinge die Seiten, lese über das weitere Schicksal von Ciri, von Geralt und seinen Gefährten, lerne neue Individuen kennen, treffe auf alte Bekannte. Alles noch etwas mysteriös – Sapkowski wieder mit seinen Zeitsprüngen und wechselnden Erzählersichten …

Einmal lese ich, wie die Ratten-Bande in dem Dorf Eifers einreitet – fast wie die glorreichen Sieben, obwohl sie nur zu sechst sind und außer ihrer Kleidung wenig Glorioses an sich haben.
Ein andermal über Rittersporns Memoiren, die sich mir öffnen wie ein beschwingtes Tagebuch. „Rittersporn! Schlaf nicht im Sattel!“„Ich schlafe nicht. Ich denke schöpferisch nach!“ (1) Ich muss herzhaft loslachen. Ein kleiner Kopf steckt sich neugierig durch die Schlafzimmertür: „Mama, warum lachst du?“ – „Weil es lustig war“, erkläre ich geduldig und schicke das Kind genauso geduldig aber bestimmt wieder zum Erzeuger zurück.
Ach, schon zehn vor eins, Mittag. Die Familie meldet einen gewissen Anspruch an, verköstigt zu werden. Ich erbarme mich, raffe mich auf, das Kochprozedere nicht meinem Angetrauten zu überlassen. Zu gut erinnert noch die Mikrowelle mit einem Hauch von verkohlten Schnitzeln an seine gut gemeinte Tat vom letzten Muttertag; die Spüle zieren noch ein paar festgebackene Fettspritzer von der mit kaltem Wasser ausgespülten Pfanne, die noch kurz vorher ein wenig in Flammen stand … Es gab keine Verletzten.

Eine gute Stunde vergeht, bis die Mäuler wieder gestopft sind und ich zu Rittersporn und seiner kunstvollen Sprache zurückkehren darf. Er reflektiert gerade die Ereignisse um den Kampf an der Brücke über die Jaruga, und neu das mit Geralts Ritterstand und seinen Folgen.
Sapkowski schreibt sehr blumig – ich amüsiere mich köstlich. Die weitere Handlung ist gespickt mit Erzählungen aus der Sicht von Randbeteiligten, bspw. wie Yennefer aus dem Meer gefischt wird von einem Skellige-Mannweib, und lese über die Fischerin: „(…) der bloße, von knotigen Muskeln durchzogene Arm maß wohl zwanzig Zoll im Umfang. Triss hatte einen Taillenumfang von zweiundzwanzig Zoll.“ (2) Was für ein Bizeps – was für eine Gräte, denke ich über die beiden. Das bringt Abwechslung, zeichnet ein farbiges, lebendiges Bild ins große Ganze.
Dieses Springen der Erzählsichten birgt allerdings auch die Gefahr, dass man den Faden verliert, oder meint, das gleich zu tun. Doch man muss nur weiter lesen, dann klärt sich alles auf.

Ich höre mit, wie Emhyr und Vattier darüber debattieren, dass die flüchtige Ciri und der desertierte Cahir endlich aufzuspüren seien.
Ich reite mit Geralt und seinen Gefährten, deren Gemeinschaft sich bei der Suche nach den Druiden kurz ungemein erweitert, dann zahlenmäßig wieder normalisiert, um sich wiederum später – nur wenig vermehrt – auch noch zu teilen. Hm.
Sogar ein Blick in die Zukunft mit dem Schicksal der Rittersporn’schen Memoiren wird mir gewährt, der mich schlussendlich in eine „rattenaasmäßig beschissene Dunkelheit“ (3) führt.
Ich frage mich, was nun wieder Bonhart mit Ciri vor hat. Und überhaupt: dieses geheimnisvolle Schwert, von dem auch in der Eingangsballade die Rede war … Und was verflixt ist das für ein Zitat auf S. 181? Was römisches …?
Mir wird durch gekonnte Dialoge vorgeführt, wie mit bloßen Worten eine Menge aufgestachelt und die Stimmung blutrünstig aufgeheizt wird. Glaubwürdig, nachvollziehbar, abstoßend.

Langsam meine ich eine Schwäche zu entdecken: Es sind einfach zu viele Charaktere, zu viele ungewöhnliche Namen. Ich bin nicht gut im Namenmerken. Mühsam ordne ich die Figuren den einzelnen Gruppierungen zu, es gelingt mir nicht immer sofort.

Wieder eine Pause. Ich habe Appetit auf was Süßes. Wie wäre es mit Götterspeise zum Kaffee? Die Familie ist begeistert, Minderjährige kriegen natürlich Kakao zu trinken. Beim Studieren der Zubereitungsanleitung des roten Glibbers fällt in den Ingredienzen der Begriff „Koschenille“. Koschenille, Koschenille … da war doch mal was …? Blätter, blätter … Ah, ja, wieder etwas gelernt: Koschenillen werden also nicht nur als natürliches Färbemittel im Nördlichen Königreich Poviss für die scharlachrote Kleidung der Thysseniden verwendet (4), sondern auch für den mir vorliegenden Wackelpudding. Lesen bildet eben doch!

Nachdem der Blutzuckerspiegel wieder auf dem richtigen Level ist und das Koffeinniveau auf Vordermann gebracht wurde, lässt sich Sapkowski einige neue Dinge für mich einfallen.
Meine Lieblingsformulierungen:
S. 208: (…) mit einem Blick auf das Schafott und die Fragmente menschlicher Anatomie, die es schmückten.
S. 256, wo Geralt mit „Nachdruck“ versucht, eine Information aus einem Zwerg herauszuquetschen: Es sah aus, als wollten Golans Augen jeden Moment aus den Höhlen treten und in der Gegend spazieren gehen.
S. 300, hier der Elf Avallac’h zu Geralt über die menschliche Herkunft philosophierend: Nun ja, jede Rasse hat ein Recht auf irgendwelche Wurzeln. Sogar eure, die menschliche, deren Wurzeln man immerhin in den Baumkronen suchen muss. Ha, ein komisches Wortspiel, findest du nicht?
Im Gegensatz zu Geralt finde ich das durchaus.

Neben den obligatorischen legendären Sagengestalten und mythischen Wesen macht er sich mit gekonnten Anspielungen auch über neuzeitliche „Entdeckungen“ lustig. Er versteckt zahlreiche Allegorien auf tatsächliche gesellschaftliche Umstände und Begebenheiten aus verschiedenen Epochen. Ich frage mich kurz, wie viele Andeutungen ich verpasse, weil sie sich nur einem polnischen Leser auf Anhieb erschließen … Aber schon bin ich wieder mitten im Strudel des Geschehens. Darüber kann ich mir immer noch Gedanken machen, später, wenn ich das Buch ein weiteres Mal lese, was ich mir an dieser Stelle fest vornehme und was auch ganz sicher passieren wird.

Haha, der Räuber Nachtigall kommt ins Spiel. Ich fühle mich an die russischen Märchen aus meiner Kindheit erinnert. Doch das Schmunzeln vergeht mir schnell, denn dieser Kerl und seine Bande sind genauso alles andere als witzig, wie die nachfolgenden Ereignisse.
Es schmerzt mich zu lesen, wie Geralt mehr und mehr von seiner Hexer-Identität verliert. Zuerst muss er sich von seinem Medaillon trennen, dann proklamiert er (erst später im Text, aber ich greife hier mal inhaltlich vor), dass er kein Hexer mehr ist:
„Ich habe aufgehört, ein Hexer zu sein. Auf Thanedd, im Möwenturm. Im Brokilon. Auf der Brücke über die Jaruga. In der Höhle unter der Gorgo. Und hier, im Walde Myrkvid. Nein, ich bin kein Hexer mehr. Ich werde lernen müssen, ohne Hexermedaillon auszukommen.“ (5) Da zieht sich mir das Herze zusammen. Wo man doch schon so viel mit Geralt zusammen erlebt hat, jetzt auch das noch!
All das wird begleitet von seinen Leiden physischer und psychischer Natur: Seine alte Beinverletzung macht ihm zu schaffen und belastet ihn stärker und stärker, genauso wie der Gedanke an Ciri in Gefahr. Ich leide mit ihm, mit seinen Zweifeln und der Verzweiflung und wie hilflos er sich fühlt.
Gleichermaßen bereitet ihm qualvolle Sorge, dass er seit einiger Zeit keine Träume bzw. Visionen mehr von Ciri hat. – Dafür hat Cahir welche, was auch nicht unbedingt Geralts Stimmung hebt. Die beiden geraten in einem dramatischen Konflikt aneinander, der meiner Meinung nach typisch „männlich“ ausgetragen wird und nur durch „sanfte“ weibliche Einwirkung beendet werden kann. Zum Glück klären sich die Verhältnisse, ich kann erleichtert aufatmen, denn Cahir ist schon lange kein Unsympathischer mehr. Fakt bleibt jedoch, dass sie ein zu ungleiches Paar sind, diese beiden Mannsbilder. Aber nicht nur die – wenn auch unterschiedlich geartete – Liebe zu dem Mädchen vereint sie, sondern auch ein gemeinsames Ziel: Ciri zu finden und in Sicherheit zu bringen. Geralt muss – wiedermal – einsehen, dass es keinen Sinn macht, auf eigene Faust loszuziehen, dass sie in der Gruppe mehr erreichen können. Aktuell erscheint mir ihr Ringen jedoch wie ein Kampf gegen Windmühlen.

Die Handlung schreitet voran. Ich gewinne weitere interessante Einblicke in die Vergangenheit verschiedener Akteure, freue mich über jedes Detail; egal, ob es Einzug in „The Witcher“ gehalten hat (jetzt weiß ich endlich, woher die Spieleentwickler die Echinopse haben!), oder einfach nur Wissenswertes über die Protagonisten verrät. Wie in etwa, was zwei wohlbekannte Zauberinnen unabhängig voneinander über Geralts Planungskünste denken. Ich glaube nicht zu viel zu verraten, wenn ich sage, dass er dabei nicht gut wegkommt.

Es ist abends dreiviertel acht. Der Anhang verlangt wiedermal nach Futter. Mist, wo es doch gerade so spannend ist und Geralt unter dem Berg Gorgo einige neue, für seine Suche so wichtige Dinge erfahren sollte … Eine halbe Stunde später sitze ich mit erbaulich gefülltem Magen wieder vor meinem Schmöker, werde wieder ein bisschen klüger. So viele Namen, es überflutet mich. Gewalt, Blut.

Nachdem Geralt schlauer und auch wieder nicht geworden ist, folgt ein Déjà-vu aus dem Herrn der Ringe: Die Ents ziehen in den Krieg. Nur dass die Baumwesen hier nicht selbsttätig und klug agieren, sondern persifliert wie tumbe Golems mittels einer Gerte in die richtige Richtung dirigiert werden müssen. Der Wald Myrkvid wird zu einer schmerzhaften Erfahrung für Geralt, in vielerlei Hinsicht.

Nach diesen Geschehnissen gelange ich zu der Erkenntnis, dass sich das Buch bis Kapitel 7 schnell, flüssig und ereignisreich liest. Kapitel 8 und 9 strengen mich wiederum mit Politik- und Intrigengespinsten an. Aber das war meiner Meinung nach in der „Feuertaufe“ viel schlimmer, hier geht es bislang noch.

Viertel vor zehn, meine Augen brauchen eine Rast. Die Jalousie ist schon längst zugezogen, das Leselicht angeschaltet. Ich brauche etwas zu trinken. Meine bessere Hälfte erwischt mich beim Gang in die Küche und fragt ganz beiläufig, wie weit ich schon mit dem Buch wäre. Nach meiner stolz verkündeten Auskunft – bin ja immerhin schon auf Seite 363 – versäumt er nicht, ein paar müßige Worte über meine Lesegeschwindigkeit zu verlieren. Er an meiner Stelle wäre schon längst fertig mit „den paar Seiten“. Angeber.

Das Gute Buch – nein, nicht das vor mir liegende, sondern eine Art Heilige Schrift – kommt nun ins Spiel. Für mich enthält es ein paar merkwürdig kluge Sprüche …
Hm, so recht schlau werde ich aus dem König mit jüdischem Handlungsgeschick nicht. Seine Frau ist da auch nicht besser. Immer diese fein gesponnenen Fäden diverser Machenschaften … Ich überlese das geflissentlich und lasse für „Herrn und Frau König“ unterm Strich gelten: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Hehe.

Was?! Yennefer hatte mal ein Verhältnis mit Crach an Craite, dem Jarl der Skellige-Inseln? Die lässt aber auch nichts aus. Einmal mehr frage ich mich, was Geralt an diesem Weibsbild so toll findet. Wahrscheinlich steht er auf (ältere) Frauen, die mindestens genauso kaputt sind wie er. Aber der olle Crach scheint auch ein Schürzenjäger par excellence zu sein, der einem Hexer in keinster Weise nachsteht, denn auch Triss … Uff, beides muss ich erstmal verdauen.
Wem bin ich noch begegnet? Ach so, ja, dem Spezialagenten für besonders dreckige Aufträge. Einem Erzfeind von Ciri, der sie schwer verletzt, sich aus den Diensten Emhyrs durch Vilgefortz abwerben lässt – und genau dieser Dreckskerl, genannt der Uhu, träumt von Demokratie. Ha, ha, dass ich nicht lache!
Es geht munter weiter, mit Ciri, ihrer Flucht, ihrer Verfolgung, ihren Verfolgern, ihren vom Pech verfolgten und ebenso erfolglosen Rettern …

Mittlerweile ist es 0:20 Uhr. Noch 69 Seiten to go, das macht wenigstens noch ein weiteres Lesestündchen. Ich breche ab, lege ziemlich ungern das Buch zur Seite. Denn da ein anderer Leseplatz für mich nicht infrage kommt, muss ich mich meiner besseren Hälfte beugen, die jetzt gern nächtigen möchte. Okay, morgen ist auch noch ein Tag.
Ich schlafe gut und nach einem so aufregenden Tag ungewöhnlich traumlos.

Ich erwache abrupt, aufgeschreckt durch ein lautes Fahrzeug auf der Straße vor dem Haus. Schlaftrunken blicke ich auf die Anzeige meines Radioweckers: 7:55 Uhr. Och nee, so früh? Es ist doch Sonntag und ich kann ausschlafen …
Ich will mich schon entspannt zurück in mein herrlich kuscheliges Kissen sinken lassen, als es mich wie ein Blitz durchzuckt: Och ja! Ich könnte doch kurz weiterlesen, bevor die Belegschaft erwacht und wieder irgendwelche Bedürfnisse anmeldet! Ich angle nach dem Buch, das ich noch vor wenigen Stunden liebevoll auf meinen Nachttisch drapiert hatte. Psst. Leise sein, bloß niemanden wecken. Ich versuche, die Seiten so geräuscharm wie möglich umzublättern.
Gleich, gleich hat Ciri ihr Ziel erreicht. Der See, das Eis, die Gefahr … der Gatte, der gerne Kürbiskernbrötchen zum Frühstück hätte. Och menno, muss ich doch noch mal unterbrechen – und das 21 Seiten vor Buffalo, ähm, vor dem Ende! Es ist zum Mäusemelken.

Aber auch diesen Bruch überstehe ich gelassen, tauche einige Zeit später frisch gestärkt erneut ein in die entscheidende Auseinandersetzung, die noch mit einer unkonventionellen Kampftechnik aufwartet. Und dieses Schwein Bonhart ist immer noch nicht tot.
Die letzten Zeilen sind gelesen, neue Wege des Schicksals werden beschritten …

10:36 Uhr. Vor dem Haus passiert eine Oldtimerparade mit quäkenden Hupen unsere Straße. Ach so, ja, die Wanderer-Rallye … Ich wage einen Blick aus dem Fenster, betrachte die bunte Schar der vorbeifahrenden Wagen und hänge meinen Gedanken über das gerade Gelesene nach.
„Der Schwalbenturm“ ist zu Ende. Doch ich bin nicht wie bei den letzten Malen enttäuscht, nicht weiterlesen zu können. Denn es war ein gutes Buch, und wie die Geschichte weitergeht, werde ich im Frühjahr erfahren, vielleicht sogar in doppelter Hinsicht, hihi.

Ich schiebe auf der Kommode die Bücher meiner bisherigen Hexer-Sammlung etwas auseinander, schaffe eine Lücke gleich rechts neben der „Feuertaufe“, und füge den neuen Teil mit einem seligen Lächeln auf den Lippen meinem kleinen „Witcher-Schrein“ hinzu. Ich weiß, der fünfte Band wird noch dicker werden und mich mindestens genauso gut unterhalten, wie dieser es tat.
Wir sehen uns wieder, Geralt, Ciri und ihr Anderen, bei „Die Dame vom See“, spätestens im kommenden März!

*1) Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm, dtv 2010, S. 110
*2) Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm, dtv 2010, S. 106
*3) Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm, dtv 2010, S. 141
*4) Das Ewige Feuer, enth. in Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch, Heyne 2000, S. 195
*5) Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm, dtv 2010, S. 336

Erstmalig veröffentlicht in 2010 auf fanfiktion.de

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